Kunstkritik






KUNSTKRITIK für Jutta Gottschalt,

von Lori Waxman, 25.7.2012, 13.00 Uhr, Nr. 123

auf der documenta 13

Die Surrealisten waren die ersten Künstler, die das Potenzial des Veralteten erkannt hatten, wenn sie durch die Arkaden und Flohmärkte von Paris schlenderten, magnetisch angezogen von Schuhlöffeln und Damenhandschuhen.

Die Zyklen des Konsums haben sich seit damals beschleunigt und immer mehr Gegenstände werden nicht länger gebraucht. Einige von ihnen hatten das Glück, bei Jutta Gottschalts mehrjährigem Projekt „Ein – Farb – Räume“ ein neues Leben anfangen zu können. Doch was tut man mit Einmachgläsern und afrikanischen Masken, Knöpfen und Muscheln, alten Strümpfen und ausgestopften Spielzeug?

Gottschalt, die ein Händchen dafür hat, eine behutsame Form von Ordnung aus dem potenziellen Chaos herauszudestillieren, wählte Farbe als Organisationsprinzip, wobei sie auch gleich die endlose Schattierungen jeder Farbe vor Augen führt.

Räume, gefüllt mit weißen Dingen, finden sich in einem Geschäft, in welchem früher Kohle verkauft wurde. Schwarze und weiße Objekte – ausgestopfte Hunde, Fußbälle und (provozierend) jede Menge Exemplare von gedruckten, frankierten und handgeschriebenen Texten – befinden sich jetzt im Inneren eines Fachwerkhauses. Rotes Zeug besetzt das alte Hauptquartier der SPD. Schon bald werden grüne Waren in einem früheren Dritte-Welt-Laden lagern.

Und letzten Endes hofft Gottschalt schon in naher Zukunft ein ganzes Haus als Regenbogen von Räumen gestalten zu können. Angesichts der Geschwindigkeit, mit der wir unsere Besitztümer wegwerfen und uns den neuen Objekten unseres Begehrens überlassen, ist sie sicher, dass sie genügend Material zur Verarbeitung finden wird.


Alle Kunstkritiken von Lori Waxman: 60 Wrd/Min Art Critic

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago.Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht.

Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter.

HNA vom 14.6.2012

Lori Waxman© Foto: Ditzel/HNA