Interview

Interview von Eva Völker zum Kunstprojekt „Ein-Farb-Räume“ am 18. Mai 2012

Farben haben ganz bestimmte Wirkungen auf unsere Stimmung, unser Empfinden. Das macht sich Jutta Gottschalt in ihren Kunstprojekten zunutze. Zur Zeit arbeitet sie an einem Raum, den sie ganz der Farbe Grün widmet. Der „Grüne Raum“ wird vom 6. bis 9. September in Witzenhausen im Rahmen der Ausstellung "Keller, Treppen, Hinterhöfe“ zu sehen sein.

Farben sind das Leitmotiv Ihrer Kunst. Welche Erfahrungen haben Sie denn bislang selbst mit verschiedenen Farben gemacht? Was hat Sie dabei überrascht?

Es ist schon in der Arbeit sehr spannend. Z.B. hat Auseinandersetzen mit der Farbe Weiß mich sehr beruhigt. Es war eine große Ruhe in der Beschäftigung. Im Vergleich dazu empfand ich die Arbeit mit Schwarz-Weiß sehr viel quirliger, unruhiger. Rot ließ meinen Blutdruck steigen, besonders beim Aufbau des roten Körperhüllenraumes wurde Energie, die in Rot steckt, deutlich. Als wir fertig waren, waren wir sehr aufgedreht und mussten erst mal wieder runterkommen.

Zurzeit arbeiten Sie mit Grün. Welche Wirkungen hat diese Farbe auf Sie?

Grün verbindet sich für mich sehr stark mit Natur, Wachstum und Pflanzen. Ich bin gern draußen in der Natur. Die Farbe an sich, bezogen auf Kleidung z.B., ist gar nicht meine Farbe. Aber wenn ich im Wald bin, tanke ich auf, und manchmal fühle ich mich, als wäre ich im Wald, wenn ich von meinen neuen grünen Objekten umgeben bin. Das sind dann quasi Naturerfahrungen mitten im Plastik.

Grün sagt man ja auch eine beruhigende Wirkung nach. Erleben Sie das auch so?

Ich habe ja die Farbwirkung noch nicht wirklich da, weil ich im Moment in kleineren Objekten arbeite. Von daher ist der Raum erst in meinem Kopf präsent, wie er dann später sein soll. Ich bin somit noch nicht in der Farbe – in einem Farbraum. Ich erspüre noch nicht wirklich die Farbe „Grün“ sondern beschäftige mich vorrangig mit den Themen, die ich mit der Farbe verbinde. Somit findet die Arbeit im Moment noch im Kopf statt.

Welche Themen haben sie denn so aufgetan?

Ich habe gleich am Anfang der Grünphase angefangen, alte, gußeiserne Weihnachtsbaumständer zu sammeln. Damit verbunden will ich mit Baum und Stehlen arbeiten. Die Ständer benutze ich dann als Wurzeln für einen großen Wald. Dann ist es aber so gekommen, dass ich Plastikblumen und alte Blumentöpfe stärker gesehen habe, geschenkt bekommen habe und so das Projekt „Sitzen im Grünen“ entstand. Gleichzeitig kam die Anfrage aus Witzenhausen für September 2012, ob ich mit ausstelle, und so verfolge ich im Moment den Strang: ein Topf, ein Haus, ein Stuhl und baue kleine Objekte.

Wo finden Sie die Materialien, mit denen Sie arbeiten?

Ich verwende nur Recyclingmaterialien, d.h. ich finde und suche im Sperrmüll, erwerbe Dinge vom Flohmarkt und erhalte Gegenstände von Menschen, die wissen, dass ich bestimmte Sachen sammle. So kommt dann über ein Jahr, bzw. über zwei Jahre eine ganze Fülle von Dingen zusammen. Auch die Idee der Nachhaltigkeit, nicht immer Neues zu kaufen, sondern Altes neu zum Leben zu erwecken, macht mir Spaß und liegt in unserer Konsumgesellschaft sehr nahe.

Als was würden Sie Ihre Kunst bezeichnen? Sind es Installationen, ist es Konzeptkunst oder ist es Aktionskunst?

Ich verstehe meine Kunst als Raum-Installationen, weil die Räume unbedingt zu meinem Konzept dazugehören. Ich ordne meine Objekte und Ansammlungen so an, dass sie sich mit dem Raum verbinden. Jeder Raum inspiriert mich anders und die gleiche Ausstellung würde in anderen Räumen ganz anders aussehen. So ist jede Ausstellung einmalig.

Bislang gab es immer auch Verbindungen zwischen der Farbe und dem Ort. Die weiße Ausstellung war in einer ehemaligen Kohlenhandlung, die roten Ausstellungsräume waren ehemals Büros der Arbeiter-wohlfahrt und der SPD und die schwarz- weiße Ausstellung war in einer ehemaligen Schreibwarenhandlung.

Was inspiriert Sie?

Ich bin eine große Sammlerin, mir macht es viel Spaß zu suchen und zu finden und ich habe gern ein „Dachbodengefühl “. Wenn ich viele Dinge habe, in denen ich herum suchen kann und die mich dann inspirieren zu verbinden, zu verändern, zu gestalten. Gesammeltes und Gefundenes regt mich immer wieder neu an, weitere Objekte zu fertigen.

Sie sind Sammlerin und Finderin. Sie stellen Brücken zwischen Dingen her. Wie läuft denn dieser Prozess?

Zunächst versuche ich herauszufinden, welche drei Alltagsgegenstände für die Farbe stehen, mit der ich gerade arbeite. Es sind immer Gegenstände, die ihre Aktualität und Attraktivität, ihre Bedeutsamkeit für unsere Gegenwart verloren haben. Für meinen „Grün-Raum“ habe ich drei Materialien ausgewählt, die die Grundlage bilden: alte Plastikblumen, alte grüne Wolle und Stoffe und alte Weihnachtsbaumständer. Zum Thema Hochsitz kam die Assoziation „Sitzen im Grünen“ und so gestalte ich derzeit 20 Objekte in alten, grünen Blumentöpfen, die für mich das Thema visualisieren. Die Themen „Wald“ und „Wachstum“ werden sich mit den Weihnachtsbaumständern, den Stoffen, Wolle und Knöpfen verbinden.

„Rot“ verbinde ich mit dem Thema“ Leben“, symbolisiert durch kleine, rote Alltagsgegenstände, die ich in Weckgläsern konserviert habe. Biografische Fragen gaben den Besuchern die Möglichkeit, über eigene Lebensphasen nachzudenken. Rote, abgelegte, ausgelebte Kleidung ergaben durch das tapezieren eines Raumes wieder eine neue Hülle. Bei diesem Projekt kam noch dazu, dass ich einen Raum-Wechsel ermöglichen wollte. Man konnte in dieser Ausstellung von den beiden roten Räumen in einen weißen Raum zum Thema „Schlaf(t)raum“ wechseln und so eine Farberfahrung machen. Ich bin die ganze Zeit, in der jeweiligen Farbe gekleidet in den Räumen, und bin so eins, mit dem was ich gemacht habe und stehe zu Gesprächen mit den BesucherInnen zur Verfügung.

Das geht ja auch so ein bisschen in Richtung Kulturgeschichte, oder Alltagskultur die sich verändert?

Ja – und es kommen noch Erinnerungen an die eigene Vergangenheit hinzu. Es sind immer wieder BesucherInnen in den Ausstellungen, die sich austauschen, sagen „ach, guck´ mal, das hatte ich auch“ oder Geschichten zu ihnen bekannten Gegenständen erzählen. Anscheinend gibt es Dinge, die einen hohen Wiedererkennungswert haben. Mehrere Menschen erinnerten sich an einen kleinen roten Aschenbecher, der in einem Weckglas ausgestellt war. Er stammt aus den 70er Jahren und erinnerte einige Besucher daran, wie sie in ihrer Jugend heimlich geraucht haben.

Ihre Kunst lebt auch durch die Kommunikation mit den BesucherInnen Ihrer Ausstellungen. Welche Rolle spielt der Dialog in Ihrer Kunst?

Der Dialog spielt für mich eine ganz große Rolle. Ich war während der Ausstellungen ja immer anwesend und habe sehr viele Gespräche. Ich selbst komme auch gern mit Künstlern in ihren Ausstellungen ins Gespräch über ihre Kunst. Es geht mir nicht darum, die Rauminstallation zu erklären sondern eher offen zu sein für Begegnung und dem, der es möchte, mein Grundkonzept kurz zu beschreiben. Viele haben mir erzählt, was sie anspricht, oder wie sie etwas deuten, woran sie etwas erinnert, sie bedanken sich auch – oft sind es noch Erweiterungen meiner Gedanken und Ideen. Meine Ausstellungen sind leicht nachzuvollziehen, auch Farbe ist ja einfach so wirksam – aber auch sehr unterschiedlich wahrnehmbar. Meine Vorstellung ist auch, man steht nicht vor einem Bild, sondern steht in einem Bild und ist plötzlich ein Teil dessen, weil man im Raum ist.

Sie finden es also spannend, wie die BesucherInnen auf Ihre Kunst reagieren, welche Assoziationen sie haben, was sie Ihnen zurückmelden?

Ja, das ist mir wichtig. Es geht mir um Beziehung und Gespräch über das, was ich zur Verfügung stelle. Farbwahrnehmung ist mir aber auch ein wichtiges Motiv. Ich bin ja eine Spätstarterin in Bezug auf das künstlerisch tätig sein und musste mich entscheiden, was ich noch in die Welt bringen will. Ich wollte nicht zeichnen und malen, Farbe auf Leinwand bringen – ich wollte größer arbeiten, aber auch mit Farbe spielen. So kam ich auf Raumgestaltung – und darauf, die Räume anzufüllen mit Dingen in der jeweiligen Farbe, die niemand mehr braucht. Somit entsteht nichts wirklich Neues, sondern ich stelle Altes in einen neuen Kontext. ich beschäftige mich lange nur mit einer Farbe, fokussiere mich, zentriere mich so.

Sie haben gerade gesagt, Sie sind Spätstarterin als Künstlerin, wie sind sie denn überhaupt dazu gekommen künstlerisch tätig zu werden?

Ich wollte mit 16 Jahren schon Grafikerin werden. Das hat meinen Eltern gar nicht gefallen. Ich sollte doch was Richtiges lernen. In meiner Familie gab es viel Kreativität – doch in anderen Bereichen wie Garten, Küche und in Handarbeiten. Meine Großmutter konnte sehr gut nähen – ich bekam immer wunderbare Kleider und liebe noch heute Stoffe und Knöpfe.

Ich glaube, dass ich in vielen Bereichen kreativ war und bin – und mit 50 Jahren habe ich mich gefragt, welche meiner Fähigkeiten bislang noch nicht so richtig leben konnte und kam auf die künstlerische Kreativität. Zufällig fiel mir dann ein Flyer über ein Weiterbildungsstudium „Kunst“ in Bremen in die Hände und so habe ich 2008 noch dies Studium für mich angefangen. Parallel dazu wusste ich sehr klar, dass ich auch was erarbeiten wollte, was ich ausstellen würde. Und der Auslöser war die Idee, nur mit weiß zu arbeiten. Und dann ergab es sich durch einen Zufall, dass ich an den beiden Kunst-Events auf Zeit: „Keller, Treppen, Hinterhöfe“ in Witzenhausen und „Denkmalkunst-Kunstdenkmal“ in Hann.-Münden teilnehmen konnte.

In Ihren Rauminstallationen spielen auch Sprache, Sprachspiele und das Wort eine Rolle.

Manchmal sind auch Texte Ideengeber. Aber auch Sprüche und Worte begleiten die Arbeit. Bei der Farbe Weiß z. B. fragte ich mich, was blüht eigentlich in unseren deutschen Gärten alles in Weiß und habe eine Auflistung von weißblühenden Blumen gemacht und mit in die Ausstellung gehängt. Bei Grün ist es auch so, dass es schöne Sprichwörter gibt, die ich mit aufnehme. Mir ist aufgefallen, dass vorwiegend die Männer erst einmal die Texte in der Ausstellung lesen und dann die anderen Dinge anschauen. Frauen machen es genau umgekehrt. Sie sehen sich erst alles an und lesen dann die Texte.

Was wollen Sie mit Ihrer Kunst ausdrücken? Oder wollen Sie etwas auslösen?

Eine Erfahrung möchte ich auslösen. Jede Ausstellung, in die ich gehe, sei es, dass sie mir Bilder zeigt, oder Skulpturen oder Videokunst, geht mit den BesucherInnen in Kontakt. Meine Idee ist es, Menschen mit in eine Farbe hinein zu nehmen. Sie selber können spüren, wie geht es mir in der Farbe, welche Themen beschäftigen mich, welche Erinnerungen kommen mir.

Langfristig will ich ca. 10 bis 12 Farben erarbeiten und dann ein ganzes Haus mit Farbräumen gestalten. Gern würde ich dann für ein Jahr mit Gruppen darin arbeiten. Nach einem Jahr wird es dann noch einen Flohmarkt geben und alles wird aufgelöst.

Sie gehen ja auch soweit, dass die BesucherInnen den Raum und die Kunst verändern können.

Ich lade schon im Vorfeld BesucherInnen dazu ein, mich für die folgende Ausstellung zu unterstützen und Sachen zu bringen. Wenn Sie dann in die Ausstellung kommen, erkennen sie natürlich Dinge wieder, die sie mir gebracht haben. So war das auch in der Rot-Ausstellung. Viele Dinge in den Weckgläsern wurden dann gesucht und entdeckt.

Zum anderen habe ich immer ein Angebot in der Ausstellung, bei dem man selbst was machen kann. In der Weiß- Ausstellung hatte ich einen Tauschständer. Da konnte man weiße Kuscheltiere gegen etwas anderes Weißes tauschen. Bei der Schwarz-weiß-Ausstellung konnte man mit weißer Kreide auf eine schwarze Tafel schreiben oder mit alten Holzstempeln stempeln.

Wie reagieren die Menschen auf diese Aufrufe, selbst aktiv zu werden?

Bei dem Tauschständer war es so, dass er am Ende völlig geräumt war. Es war ein ganz anderer Ständer mit weißen Dingen geworden. Alle Plüschtiere waren weg und es lag nun Kreide drin, weiße Wolle, ein weißes T-Shirt und Tennissocken. Die Kuscheltiere waren vor allem für Kinder interessant. Die sind nach Hause gegangen und mussten mit etwas Weißem wiederkommen, um dann den weißen Hasen zu holen, in den sie sich verliebt hatten. Die Stempelaktion wurde auch gut angenommen. Ein großes, weißes Papier war vollgestempelt. Das habe ich dann mit in eine zweite Schwarz-weiß Ausstellung genommen und es als Stempel- Bild ausgestellt. Wenn ich solche Dinge wie die Stempel-Aktion ganz konkret ankündige, machen Jung und Alt ganz selbstverständlich mit.

Wie entwickeln Sie Ihr Langzeit-Projekt weiter? Haben Sie einen genauen Plan, welche Farbe Sie als nächstes bearbeiten?

Es gibt schon auch immer wieder Ereignisse, die mich in eine andere Richtung lenken. Ich wollte mich z.B. nach der Weiß-Ausstellung mit Rot beschäftigen. Habe dann aber eine Anfrage für eine Ausstellung bekommen und konnte dort nicht in Rot ausstellen, da ich ja den Unterstützern in dem anderen Ort verpflichtet war, dort die gebrachten Sachen auszustellen. Dann habe ich die Schwarz-weiße dazwischen geschoben. Nach Rot hatte ich Lust auf die Komplementärfarbe Grün. Und jetzt denke ich eher intuitiv, danach muss für mich Blau kommen. Ich kann nicht wirklich sagen warum. Es entwickelt sich einfach weiter und die Farben beziehen sich irgendwie aufeinander.

Hat es auch damit was zu tun, eine eigene Ordnung zu schaffen. Ist es Ihre Art, die Dinge zu ordnen?

Eine schöne Idee. Mir macht es Spaß, mich zu fokussieren, zu suchen und zu finden. Ausgerichtet zu sein, aber trotzdem offen für neue Ideen. Ich lebe auch wirklich eine festgelegte Zeit mit den Farben, aber nach ein bis zwei Jahren muss mich die Farbe wieder verlassen. Sonst würde es mir zu eng. Es ist für mich ein vertieftes Arbeiten nur in dieser einen Farbe. Diese Einschränkung führt dazu, dass ich nicht abgelenkt werde. Diese Arbeitsform macht mich konzentrierter.

Was passiert mit den gesammelten Materialien nach einer Ausstellung?

Bevor ich abbaue, wird alles fotografisch dokumentiert und ich mache ein Künstlerbuch, das die jeweilige Farb- Ausstellung festhält. Dann wird alles archiviert. Denn ich habe ja in 2022 vor, ein Farbhaus zu gestalten und es muss dann ja alles noch einmal in anderen Räumen aufgebaut werden. Für ein Jahr würde ich dann gern ein Ausstellungshaus haben, aber auch mit Menschen in Farben und mit Farben arbeiten.

Ein schönes Konzept, eine tolle Idee! Das heißt, also, dass alles bis dahin aufgehoben werden muss.

Ja – es gibt eine Scheune, in der alles eingelagert ist.

Was ist denn so das künstlerisch Anspruchsvollste? Die Auseinandersetzung mit der Farbe, die Einrichtung des Raumes, die Dinge miteinander in Beziehung zu setzen, die Wortspielereien, das in Kontakt treten mit den Besuchern. Wahrscheinlich gehört alles zusammen?

Ja- so ist es. Es ist ein Prozess. Und mit der Festlegung der Farbe tritt man in diesen Prozess ein und dann rollt es sich auf. Das finde ich das Spannende. Es ist ähnlich, wie wenn man ein Bild malt, bei dem man nicht weiß, wenn man ungegenständlich malt, was am Ende dabei herauskommt. So weiß ich es am Anfang auch noch nicht. Es ist wie ein Eintreten in einen leeren Raum, der sich nach und nach mit Ideen und konkreten Umsetzungen füllt. Das Ende ist dann ein bestimmter Raum, der sich dann mit meinen Objekten und Ideen verbindet. Ich liebe Räume, die einen Charakter haben, die alt sind, Geschichten erzählen. Diese Räume erwarten von mir dann auch noch eine Auseinandersetzung. Ich erkunde, wo kann ich was stellen, wo kann ich Nägel einschlagen, wo muss ich was freilassen, wo verstecken. Die Begegnung mit dem Raum ist dann noch einmal ein letzter Schritt. Wenn alles darin steht, hat es für mich etwas Abgeschlossenes. Ich weiß dann auch ganz genau, wann ich aufhören muss. Es gibt einen Punkt, an dem ist das Projekt für mich innerlich beendet und dann stelle ich es den BesucherInnen zur Verfügung. Dann kann ich den Raum frei geben für andere.

Wenn Sie sich auf einen Raum einlassen, heißt das, Sie können ihn auch verändern? Sie könnten dann auch den Boden und die Decke in der Farbe gestalten? Oder nehmen Sie den Raum als gegeben hin und arbeiten mit ihm, wie er ist, ohne viel zu verändern?

Bislang waren es immer alte Häuser, die leer stehen – daher auch leere Räume, die so verlassen wurden. Beim ersten Weißraum habe ich viel Dreck und Müll entfernt, eine Grundsauberkeit hergestellt. Aber es gab weiterhin Ecken, wo sich die Tapete von der Wand löste, und der Boden war noch sehr schmutzig. Die Herausforderung war, in diesem halb- sauberen Raum eine Weiß-Ausstellung zu installieren. Es war bis zum Schluss spannend, ob die Installation eine Weißwirkung erzeugen kann, die über den Schmutz am Boden hinwegsehen lässt. Wie Weiß kann etwas wirken, auch wenn es nicht sauber ist?

Und wie war die Wirkung?

Es war der Eindruck, hier ist alles Weiß. Wenn man natürlich länger guckte, konnte man das Alte, Dreckige entdecken. Aber es tat dem Eindruck keinen Abbruch.

Was sind Sie persönlich für ein Mensch? Warum gerade diese Kunstform?

Ich bin schon immer gern durch Sperrmüllstraßen gegangen. Früher wurde ja straßenweise zu Sperrmüllabholung aufgefordert und man wusste, es wird viel rausgestellt, was noch gut zu gebrauchen ist. Ich habe auch immer ganz schnell kreative Ideen, was man aus etwas noch machen kann. Streichen, verändern, umbauen. Ich liebe es, alte Dinge in einen neuen Kontext zu stellen.

Gibt es für Sie Künstlerinnen und Künstler, die Vorbilder sind?

Mich hat Anna Oppermann, die leider sehr früh verstorben ist, inspiriert, viele Dinge zusammenzusuchen und in Räumen zu installieren. Auch Louise Bourgeois, die erst spät angefangen hat, künstlerisch tätig zu werden, und konsequent ihr Leben in ihrer Kunst verarbeitet hat. - Es ist wohl auch Kurt Schwitters, ein Künstler aus Hannover, der auch ein großer Sammler war von Alltäglichem. Ein jüngerer Künstler ist Thomas Hirschhorn, den ich 2011 auf der Biennale in Venedig zum ersten Mal gesehen habe. Er hatte den Schweizer Pavillon gestaltet. Er hat den Schwitters-Preis in Hannover bekommen. Er ist auch ein Recycler, der viele Materialien verwendet. Mich interessieren Künstler, die nicht mehr die „schöne“ Kunst machen, d.h. ansprechende Bilder malen um sie über ein Sofa zu hängen, sondern mich sprechen eher Projekte und verstehbare Ideen an, die Künstler mir zur Verfügung stellen. Ich freue mich schon wieder auf die 13. Documenta in Kassel und werde immer sehr inspiriert. Es gibt 3 Museen, die ich immer wieder besuche. Das ist das Kunstmuseum in Wolfsburg, die Weserburg in Bremen und das Sprengelmuseum in Hannover. So versuche ich auf dem Laufenden zu bleiben, was die internationale Kunstwelt ausstellt.

Ist Ihr Arbeiten mit ausgemusterten Dingen auch als Gesellschaftskritik zu verstehen? Oder geht es eher darum, in den alten Dingen eine neue Ästhetik zu sehen?

Es ist für mich ein bewusstes Tun, nicht nur immer neu herzustellen, sondern mit dem was kostenlos da ist, weiter zu arbeiten und es vor dem Wegwerfen zu retten. Es ist für mich auch lustvoll, mit wenig Geld große Räume anzureichern und eine Wirkung hervorzurufen. Ich will eher bewusst machen, als den Zeigefinger zu erheben. Wir leben in einer Konsum- und Wegwerfgesellschaft – das hat seinen Preis und seinen Müll und wird unsere Kinder noch sehr belasten. Mit meiner Art künstlerisch tätig zu sein, habe ich aber nicht den Anspruch, die Welt zu retten. 

Interview: Eva Völker, Freie Journalistin, Göttingen